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#Investiert: PRONATEC - Bio ist kein Trend, sondern eine Erwartung
Das Schweizer Familienunternehmen PRONATEC betreibt die weltweit einzige Verarbeitungsanlage für Kakaobohnen ausschließlich in Bio-Qualität. Was 1976 mit drei Menschen und Vollrohrzucker für die Reformhäuser begann, ist bis heute zu einem beeindruckenden hochmodernen mittelständischen Unternehmen gewachsen. Neben Kakaobohnen, Kakao-Halbfabrikaten, Schokolade, Kuvertüren sowie Zucker ergänzen Vanille und weitere Gewürze das Portfolio. Die GLS Treuhand ist seit 2020 mit einem Nachrangdarlehen in Höhe von zwei Millionen Euro über GLS TREUGEA investiert. Wie der Pioniergeist in die nunmehr dritte Generation weitergetragen wird und wie sich das Unternehmen auf die Zukunft einstellt, verraten CEO David Yersin und sein Neffe Simon Yersin, Leiter der Abteilung Kakao und Mitglied der Geschäftsleitung.
Beim Firmennamen PRONATEC denkt man nicht sofort an Kakao oder Zucker. Wie kam es zur Gründung und warum haben Sie sich entschieden, ausschließlich Bio-Produkte herzustellen?
David Yersin: David Yersin: PRONATEC ist ein Akronym aus französisch „produits naturels écologiques“, steht also für natürliche, ökologische Erzeugnisse. Die Firma entstand 1976 aus dem Wunsch, natürliche Rohstoffe ohne Kompromisse anzubieten. Mein Vater, Albert Yersin, war Maschineningenieur und verfolgte die Idee, mit technischen Lösungen auch gesellschaftlich etwas zu bewegen. Er entwickelte eine Produktionsmaschine für Vollrohrzucker, allerdings bestand dafür kein Absatzmarkt. Deshalb beschloss er, den Zucker selbst zu vertreiben: SUCANAT, der erste zahnschonende Vollrohrzucker, galt als gesündere Alternative zum „normalen“ Zucker und wurde an die damals unter dem Namen neuform bekannten Reformhäuser geliefert.
Als ich 1989 ins Unternehmen einstieg, sah ich im entstehenden Bio‑Sektor eine echte Chance. Schnell wurde klar: Handel allein reicht nicht, wenn man dauerhafte Qualität garantieren will. Deshalb begannen wir, uns verstärkt in den Anbauregionen zu engagieren und immer mehr Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette zu übernehmen. Herkunftstransparenz und langfristige Partnerschaften waren uns von Anfang wichtig, was uns zu Pionieren der Branche machte. Daraus entstanden Meilensteine wie der erste Bio-zertifizierte Zucker aus Paraguay, die erste Bio‑Fairtrade‑Schokolade und schließlich unsere eigene Bio-Kakaoverarbeitungsanlage in der Schweiz, die PRONATEC Swiss Cocoa Production.
Warum gab es in den 1990er Jahren bei der Bio-Schokolade und davor beim Bio-Zucker so viel Skepsis und was führte Ihrer Meinung dazu, dass die Nachfrage so stark gewachsen ist?
David Yersin: In den 1990er Jahren war Bio vor allem bei Grundnahrungsmitteln wie Gemüse, Obst und Milch gefragt. Viele zweifelten an Geschmack und Marktpotenzial einer Bio-Schokolade. Als wir 1996 die erste Bio und Fairtrade zertifizierte Schokolade auf den Markt brachten, ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Beim Bio-Zucker war die Situation etwas anders: Ursprünglich durften Bio-Produkte konventionellen Zucker enthalten, da es keine Bio-zertifizierte Variante gab. Nachdem wir den weltweit ersten Bio-Rohrzucker lanciert hatten, stieg die Nachfrage jedoch sofort stark an. Der Wendepunkt für die Bio-Branche als Ganzes kam, als Konsumentinnen und Konsumenten vermehrt begannen, Herkunft und Produktionsbedingungen kritisch zu hinterfragen. Plötzlich ging es um Transparenz, darauf waren wir vorbereitet.
Simon Yersin: Heute ist Bio kein Trend mehr, sondern eine Erwartung. Wir haben von Beginn an auf echten Geschmack, verlässliche Qualität und partnerschaftliche Beziehungen gesetzt, und nicht auf reines Marketing. Das schafft Vertrauen, sowohl auf Kundenseite als auch bei unseren Produzentinnen und Produzenten in den Ursprungsländern.
Wie kann man sich den Anbau in den Partnerländern vorstellen und gibt es in der Zusammenarbeit Besonderheiten?
Simon Yersin: Die Arbeitsumstände variieren je nach Ursprungsland und Rohstoff, sind jedoch häufig geprägt von einfachen Strukturen und einem hohen manuellen Aufwand. Wir kaufen möglichst direkt bei Kleinbauern‑Kooperativen ein und verzichten auf Zwischenhändler. Das schafft Nähe, Vertrauen und gewährleistet faire Preise für die Produzenten. In der Dominikanischen Republik sind wir mit unserer Tochtergesellschaft YACAO vertreten, in Paraguay besteht mit der Zuckermühle LA FELSINA eine langjährige Partnerschaft, und in Madagaskar haben wir mit PREMIUM SPICES ebenfalls eine langjährige Geschäftspartnerin vor Ort.
Heutzutage nutzen wir ein digitales, appbasiertes Einkaufssystem, das die gesamte Lieferkette abbildet – vom Einkauf beim Kleinbauern bis zum Export. So ist jede Charge rückverfolgbar. Vor Ort haben wir Empfangsstationen eingerichtet, um Wege zu verkürzen und die Qualitätssicherung zu verbessern. Zusätzlich unterstützen wir Projekte für klimaresiliente Anbaumethoden, Schulbau und Gesundheitsversorgung.
David Yersin: Der entscheidende Erfolgsfaktor in der globalen Zusammenarbeit sind gegenseitiges Vertrauen und eine langfristige Perspektive. Viele unserer Partnerschaften bestehen seit mehreren Jahrzehnten: So feierte YACAO letztes Jahr ihr 25-jähriges Firmenjubiläum, mit LA FELSINA sind wir seit Ende der 1990er-Jahre verbunden, und PREMIUM SPICES wird dieses Jahr 20 Jahre alt.
Ob Anbau, Zusammenarbeit mit den Kleinbauern und -bäuerinnen, Verarbeitung oder Vertrieb: Gibt es Philosophien oder Werte, die sich durch die gesamte Produktionskette ziehen?
David Yersin: Drei Prinzipien prägen unser Handeln: Verantwortung, Transparenz und Langfristigkeit. Verantwortung bedeutet faire Löhne und bessere Lebensbedingungen für Kleinbauernfamilien. Transparenz heißt, dass wir Rohstoffe und Produkte vollständig rückverfolgen können. Das ist nur möglich, weil wir sämtliche Prozessschritte der Wertschöpfungskette selbst abdecken – von der Beschaffung bei den Kleinbauern über Fermentation und Export bis zur Verarbeitung. Langfristigkeit zeigt sich in unseren Partnerschaften und in Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Kooperativen. Für die Produzenten bedeutet das Planungssicherheit, was uns wichtiger ist als kurzfristiger Profit.
Simon Yersin: Ein praktisches Beispiel ist die Batch‑Verarbeitung in unserer Produktionsanlage. Sie erlaubt uns, auch weniger große Mengen Kakaobohnen zu verarbeiten, etwa für Nischenmärkte. Zudem sind wir technisch in der Lage, die Chargen rückstandsfrei voneinander zu trennen; das verhindert Vermischungen oder Verunreinigungen und stellt eine konstant hohe Bio‑Qualität sicher.
Welche Entwicklungen in der Branche sind für Sie aktuell spannend oder herausfordernd?
Simon Yersin: Die größten Herausforderungen sind regulatorische Anforderungen und der Klimawandel. Die Bio-Branche wird komplexer: Themen wie Rückverfolgbarkeit, Entwaldungsrisiken oder das Vermeiden von Kreuzkontaminationen erfordern immer mehr Dokumentation und Kontrolle. Gleichzeitig bedrohen Dürren und Schädlinge die Ernten.
Spannend ist die fortschreitende Digitalisierung der Lieferketten. Wir verwenden ein Tool, mit dem wir Daten effizient und in Echtzeit teilen können. Das gibt uns und den Kleinbauern-Kooperativen vor Ort mehr Kontrolle und hilft, Betrug zu verhindern.
David Yersin: Ein weiteres aktuelles Thema ist die Diversifikation der Rohstoff-Ursprünge: Die Kakaokrise im Jahr 2024 hat gezeigt, wie verletzlich einzelne Anbauregionen sind. Deshalb setzen wir auf geografische Streuung und eine enge, direkte Zusammenarbeit, um Krisen besser abzufedern.
Macht es für Sie einen Unterschied, wenn Sie von einer gemeinnützigen Organisation wie der GLS Treuhand mitfinanziert werden?
David Yersin: Ja, das macht für uns einen entscheidenden Unterschied. Die GLS Treuhand ist für uns mehr als ein Investor, denn sie teilt unsere Werte. Während klassische Banken oft primär auf Rendite schauen, versteht die GLS Treuhand, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammengehören. Das Nachrangdarlehen von 2020 hat es uns ermöglicht, unsere Vision einer reinen Bio-Kakaoverarbeitung zu realisieren. Andere potenzielle Finanzgeber hatten dies als zu riskant eingestuft.
Simon Yersin: Eine werteorientierte Institution wie die GLS Treuhand fragt nicht: „Warum investiert ihr in faire Löhne?“ Stattdessen möchte sie wissen, wie sie uns dabei unterstützen kann. Das gibt uns die Freiheit, langfristig zu planen, und bestätigt unsere Überzeugung, dass Kapital positiven Wandel ermöglichen kann.
Sie haben verschiedene Länder, Kulturen und Lebensrealitäten kennengelernt. Hat das Ihre Einstellung zu Geld und der eigenen Wirtschaftsweise beeinflusst?
Simon Yersin: Die Begegnungen mit den Kleinbauernfamilien haben mir gezeigt, wie konkret Geld wirken kann. Wenn ein Fairtrade Aufschlag die Schulbildung von Kindern ermöglicht, wird klar: Wirtschaft muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Das prägt unsere Entscheidungen. Lieber investieren wir in langfristige Projekte als in kurzfristige Gewinne.
David Yersin: Mich beeindruckt die immense Anzahl von Kleinproduzentinnen und -produzenten, die jeden Tag mit viel Herzblut ihre Parzellen bewirtschaften. Sie haben gelernt, verantwortungsvoll und kreativ mit ihren Ressourcen umgehen. Dort ist Nachhaltigkeit keine Theorie, sondern Überlebensstrategie. Das hat mich gelehrt: Echte Verantwortung braucht Geduld, Partnerschaft und den Mut, auch mal gegen den Strom zu schwimmen.