Kindheit in Pandemie-Zeiten

Seit März 2020 veränderte die Pandemie das Leben und Lernen von Kindern und Jugendlichen: temporäre Schulschließungen bringen Tagesabläufe in Familien durcheinander, soziale Kontakte können nicht ausgelebt werden, alltägliche Begegnungen werden auf die Zweidimensionalität des Bildschirms reduziert und wichtige informelle Begegnungen auf den Schulhöfen entfallen. Eltern sollen als „Hilfslehrer*innen am Küchentisch“ die Situation auffangen, wodurch das Beziehungssystem Familie zusätzlich belastet wird. Wie sehr dies alles die physische und psychische Gesundheit belastet, hat Kirsten Laroussi, Schulleiterin einer Grundschule, im Interview erzählt.

Schule in Zeiten von Corona braucht viel Improvisationstalent von Lehrer*innen und Schulleitungen, von den Eltern und Schüler*innen. Was bisher ging, gibt es plötzlich nicht mehr, alles Bekannte muss umgestellt werden. Mit welchen Auswirkungen und Veränderungen müssen wir rechnen, welche Spätfolgen sind eventuell zu erwarten? Darüber hat Sophie Tenbrink von der Zukunftsstiftung Bildung (kurz ST) mit Kirsten Laroussi (im Text KL), Schulleitung der Europagrundschule Siegfried-Drupp in Dortmund Scharnhorst, gesprochen.

Sophie Tenbrink (ST): Seit einiger Zeit befinden wir uns nun im zweiten Lockdown und die Schülerinnen und Schüler werden über Distanzunterricht beschult. Vor welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten stehen Sie und Ihre Schule bei der der Umsetzung des Distanzunterrichts und der Digitalisierung?

Kirsten Laroussi (KL): Da ich 2016 angefangen habe, unsere Schule langsam zu einer digitalisierten Schule zu transformieren, sind unsere Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht außergewöhnlich. Meine Lehrerinnen und Lehrer haben von 2017– 2019 über Erasmus+ an Lehrerfortbildungen in Schweden, Finnland, Italien und Portugal sowie Irland teilgenommen. Daraus wurden wöchentliche Mikrofortbildungen, die unsere gereisten Lehrerinnen und Lehrer unserem Schulteam vorstellten.
Als dann unsere Schule mit Ipads und Displays ausgestattet wurde, haben sich alle gefreut und es ging los. Heute, im Distanzunterricht, müssen wir nur die Kinder auffangen, die zuhause nicht ausgestattet sind. Es wurden Ipads für diejenigen ausgeliehen, die Internet haben, die anderen machen den Onlineunterricht in der Schule. Wir kommen mit unseren Geräten tatsächlich an unsere Grenzen und warten auf die versprochenen Schüler- und Lehrer-Ipads. Über schoolfox sind wir aber mit einem Großteil der Familien verbunden und es kommt zu einem guten Austausch. Es hat sich gezeigt, dass die Mischung zweimal 1,5 Std pro Tag online-Unterricht und weitere Aufgaben zuhause, für viele Kinder machbar ist und sie sich darüber freuen. Die Kinder lernen im Distanzunterricht auch selbständig zu arbeiten, lernen ihr eigenes Arbeitsverhalten kennen und übernehmen in Videokonferenzen kleine Unterrichtseinheiten. Es kann auch sein, dass die Kinder Samen bekommen, um die ersten Pflanzen zu ziehen oder dass sie ihr Lieblingsessen kochen und uns das Rezept verraten sollen. Der Unterricht kommt bei den Eltern gut an, die Kinder fühlen sich gesehen, sind mit ihren Freundinnen und Freunden verbunden und beteiligen sich an den Aufgaben. Schwierigkeiten werden natürlich genau da sichtbar, wo es sprachliche Barrieren gibt oder die Kinder besondere Förderung benötigen. Gerade hier sind ein besonders intensives Miteinander und der offene Austausch mit den Eltern wichtig. Es ist für alle eine besondere Zeit.

ST: Was sind Ihre persönlichen Herausforderungen als Schulleitung an Ihrer Schule?

KL: Meine persönliche Herausforderung war, dass ich nicht in die gleiche negative Schleife gehe und dem Virus Platz gebe wie die Medien. Ich bewahre die Ruhe, entscheide schnell, konsequent und informiere alle Eltern, schreibe den Lehrerinnen und Lehrern und informiere den Offenen Ganztag. Das bedeutet, ich lasse wenig Raum für Spekulationen und versuche, allen Handlungssicherheit zu geben. Auch die die Kinder wurden in der Präsenzzeit täglich sachlich informiert, um die Panikausbreitung zu vermeiden.

ST: Die Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, viel mehr auch ein Ort der sozialen Interaktion. Welche Auswirkung hat Ihrer Meinung nach der fehlende soziale Kontakt für die Schülerinnen und Schüler?

KL:Die Auswirkungen werden m.E. erst in einem Jahr richtig gesellschaftlich zuschlagen. Es ist nicht nur der fehlende Kontakt, es sind die fehlenden Berührungen, die fehlenden Umarmungen, die fehlende Nähe, wenn zwei Kinder flüstern, …es ist ein unfassbar emotionaler gesellschaftlicher Schaden, der entstanden ist und Folgen haben wird.
Nach dem ersten Lockdown kamen die Kinder unter den neuen Hygiene- und Abstandsregeln zurück. Häufiges, diszipliniertes Händewaschen, Masken, Kontakte in den Pausen auch nur mit Schülern aus der gleichen Klasse, keine Gruppenarbeiten mehr, auch in der OGS ähnliche, aber andere Regeln ... nichts war mehr so wie es war. Die Freude, wieder zur Schule gehen zu können, erstarb in dem, was sie jetzt dürfen bzw. in dem, was sie jetzt nicht mehr dürfen. Sie begannen zu funktionieren und wirkten fast emotionslos, wie eingefroren. Es wurde ruhig in der Schule. Kein kindliches Lärmen mehr auf den Gängen, kein Lachen, kein Toben - gespenstisch ... aber Verhaltensauffälligkeiten zeigten sich mehr und mehr. Deutliche Gewichtszunahmen, in sich zurück gezogene Kinder, aber auch aggressives Verhalten, dass sich meist beim Spielen mit Maske und Abstand in der OGS zeigte. Leider auch gemalte Bilder und Rollenspiele, die Schlimmstes vermuten ließen, was in der Zeit des Lockdowns passierte …

Die Kinder in unserem ersten Schuljahr durften kaum eine Gemeinschaft kennen lernen. Normalerweise werden im ersten Schuljahr Kommunikationsspiele, Erlebnispädagogik und Sozialkompetenztraining gemacht, nichts von dem war in der Form möglich. Yoga wird mit 10 Kindern in der großen Turnhalle gemacht, damit sich keiner berührt oder zu nah kommt. Atmosphärisch ein Drama. Natürlich hat unser Team wundervolle Dinge wie Waldspaziergänge mit landart, Filme mit greenscreen, damit alle einzeln aufgenommen werden konnten, gemacht. Sie waren ungeheuer kreativ, aber es war tatsächlich eine große Herausforderung.

ST: Wir alle hoffen, dass es bald wieder möglich ist den Unterricht sicher im Präsenz durchzuführen. Was erwartet die Lehrerinnen und Lehrer, wenn die Kinder nach der langen Zeit Distanzunterricht wieder in den Präsenzunterricht wechseln?

KL: Die Situation ist meines Erachtens alarmierend. Auch im Präsenzunterricht waren wir von einer „Normalität“ weit entfernt. Die Kinder sind unfassbar diszipliniert, weil sie Angst haben. Sie haben Angst, der Überträger zu sein und ihren Opa anzustecken, oder Angst, selbst zu sterben. Anfangs wurde ihnen viel erklärt, aber das TV zuhause, die Berichte im Radio, die Internetschlagzeilen prasseln ungefiltert auf sie ein. Kaum einer erklärt noch etwas kindgerecht. Die Politik reagiert wieder nicht auf die Situation, die Digitalisierung kommt zu spät, der Arbeitsschutz kommt zu spät (die Masken für die Lehreinnen und Lehrer kommen mit viel Glück nächste Woche – nur für Landesbedienstete) und für das Auffangen der Kinder in Form von Coaching für die Lehrkräfte, psychologische Vorbereitungen des OGS Teams, Coaching für Kinder, Kunsttherapie für Kinder ist nichts geplant. Projektgelder, BUT Gelder, Sponsorengelder müssten in die Hilfen gehen…und das sehr schnell.
Bei mir an der Schule habe ich das Kinder-und Jugendcoaching für unsere Schülerinnen und Schüler über Projektgelder installiert und wir konnten die Anträge auf Förderbedarf im emotional-sozialen Bereich in den letzten Jahren extrem reduzieren. Neben der Sonderpädagogin und des -pädagogen und der an manchen Schulen installierten Stellen der Schulsozialarbeit (an meiner Schule z.B. nicht) müssen weitere Professionen in die Schule, erst dann haben wir ein multiprofessionelles Team und bitte auf Augenhöhe.
Wichtig wäre es, die Kinder direkt auffangen zu können, ohne lange Anträge zu verfassen und auf Bewilligungen zu warten. Bei der Rückkehr in die Schule sollte nicht die Stoffvermittlung im Vordergrund stehen, sondern individuell beurteilt werden, wo das Kind steht und was es in dieser besonderen Situation braucht.

ST: Die Soforthilfe ist in der Wirtschaft schnell angekommen und lässt sich auf einfachem Wege beantragen. Im Bildungsbereich, bzw. vor allem an Schulen kommt die Unterstützung nur langsam an. Was braucht es, damit Schulen sicher und handlungsfähig werden? Wäre eine Art Soforthilfe etwas, womit den Schulen geholfen werden könnte? Wie müsste so eine Hilfe aussehen.

KL: Sofort geht in unserem System erfahrungsgemäß nichts. Die Bildung ist bekanntlich nicht das Wichtigste in Deutschland – leider. Ich hätte mir gewünscht, dass keiner gezögert hätte, die Lüftungsgeräte direkt anzuschaffen und die digitalen Geräte zur Verfügung zu stellen.  So hätten wir die Schulen öffnen und die Auswirkungen hätten etwas abgefedert werden können. Wünschenswert wäre auch eine bauliche Umstrukturierung. Da wir gerade in Baumaßnahmen stecken, wäre es ja theoretisch möglich, Luftfilteranlagen zu integrieren.
Ich würde mir wünschen, dass die Firmen die Schulen unterstützen, statt das große Geld machen zu wollen. Diese gesellschaftliche Not hat sich keiner gewünscht und nicht alle Firmen sind in Not…
Das Schulbudget hat sich in Hygieneartikel aufgelöst, das kann es echt nicht sein. Unsere Schule hat ja schon den absoluten Luxus, wir haben viele Projektbewilligungen, die Apps etc. waren angeschafft, andere Schulen warten auf den WLAN Anschluss…

Interviewpartnerin Kirsten Laroussi Schulleitung der Europagrundschule Siegfried-Drupp in Dortmund Scharnhorst

Programme, die stützen: Die "ZukunftsBande"

Zwei Jugendliche arbeiten ein Jahr lang mit einem jungen Erwachsenen (Azubi, Student*in, Berufsanfänger*in). Als „ZukunftsBande“ arbeiten sie an persönlichen Zielen und Zukunftsperspektiven: Eigenmotivation, persönlicher Bildungsweg und Abschlüsse, Selbst- und Sozialkompetenz sind Themen der gemeinsamen Arbeit. Kurz: Was will ich und wie kann ich das erreichen? Jede ZukunftsBande trifft sich regelmäßig zu vereinbarten Terminen.

Azubis, Berufsanfänger*innen und Studierende werden Zukunftscoachs, nachdem sie bereits erfolgreich den Sprung in die Ausbildung, das Studium oder in die Berufswelt geschafft haben. Ihre Erfahrungen teilen sie mit anderen Jugendlichen, denen die schwierige Entscheidung für die weitere Lebens- und Zukunftsplanung noch bevorsteht.

Zur Zukunftsbande

"Ich finde das Programm „ZukunftsBande“ eine gute Möglichkeit für Schüler*innen, sich mit der Zukunft auseinander zu setzen. Nach der Schule müssen sie sich für etwas entscheiden – durch die ZukunftsBande haben sie Kontakt mit diesem nächsten Schritt"

Hannah Weber, Schulsozialarbeiterin der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule Recklinghausen

Interview mit Hannah Weber, Sozialarbeiterin an einer Projektschule

Welchen Mehrwert siehst du durch eine Teilnahme am Programm für Eure Schüler*innen?
"Ich finde das Programm „ZukunftsBande“ eine gute Möglichkeit für Schüler*innen, sich mit der Zukunft auseinander zu setzen. Nach der Schule müssen sie sich für etwas entscheiden – durch die ZukunftsBande haben sie Kontakt mit diesem nächsten Schritt. In der Schule kommt das oft zu kurz. Dann wird viel darüber geredet, was in Mathe los ist, was muss man in Englisch können, aber man weiß nicht so richtig, warum man das machen muss. Wenn sie dann plötzlich mit Auszubildenden reden, oder mit jungen Student*innen, dann kriegen sie plötzlich mit ah das könnte wichtig sein, da ich zum Beispiel auch mal im Ausland arbeiten möchte und englisch sprechen muss, oder ich Ingenieur bin und rechnen muss.“

 


Wie bewertest du die Teilnahme am Programm in der aktuellen Corona-Pandemie?
„Für die Schüler*innen ist es jetzt noch schwieriger sich ihre Zukunft vorzustellen oder zu planen. Jetzt fallen ganz viele Programme weg, sie können kein Praktikum machen und alles wird verschoben. Wenn etwas stattfindet, dann nur noch digital. Da ist es zum Beispiel gut, dass die ZukunftsBande nicht wegfällt. Zwar auch nur online, aber wenigstens hat man einen echten Menschen mit dem man wirklich reden kann. Das ist nicht irgendeine Aufzeichnung, ein Text den man sich durchlesen muss, sondern ein richtiger Kontakt zu einer Person die einem zuhört und auch seine Gefühle teilt, so nach dem Motto: „bei mir läuft‘s grad auch nicht so gut.“


Worin liegt der Vorteil – aus deiner Sicht, dass Nachwuchskräfte in die Rolle des Coachs gehen und Jugendliche über ein Schuljahr hinweg begleiten?
„Ein junger Mensch ist noch näher an den jüngeren Schüler*innen dran, da sie vielleicht ein ¾ Jahr älter sind und nicht 30/40 Jahre wie z.B. die Lehrkräfte. Die Coaches von der ZukunftsBande sind etwas älter als die Schüler*innen und ich glaube das ist eine gute Ergänzung, weil sie noch andere Ansichten haben und andere Lebensrealitäten. Die Coaches sind noch ganz frisch an der Entscheidung dran, was mache ich überhaupt aus meinem Leben oder welche Ausbildung passt zu mir? Wie bekomme ich das überhaupt hin? Die Lehrer*innen hatten das im Zweifelsfall vor 15 Jahren und für sie eh klar war das sie auf einem Gymnasium waren, Abitur machen und ich Lehrer*in werde. Die Coaches haben ja einen anderen Hintergrund und im eher den gleichen Hintergrund wie die Schüler*innen.“


Was erhoffst du dir von diesem Jahr für Deine Schüler*innen?
„Ich hoffe, dass sie einen ungefähren Plan bekommen, dass sie gefestigt werden oder auch neue Optionen aufgezeigt bekommen. Das es vielleicht nicht nur eine Option gibt, sondern auch noch andere Sachen. Und für die, die noch gar keinen Plan haben irgendwelche Möglichkeiten für sich sehen und auch eine realistische Einschätzung bekommen was möglich ist. Die Schüler*inne sagen mir alle sie wollen Abitur machen, aber es macht halt nicht jeder Abi. Ich erhoffe mir, dass sie lernen was realistisch ist. Vielleicht ganz konkret, was gibt’s für Firmen und welche Möglichkeiten diese zu finden. Und ich wünsche mir, dass sie von dieser Zeit Motivation für den Schulalltag mitnehmen und dadurch besser durchkommen.“

Nachrichten- und Informationskompetenz für Schüler*innen

Ein weiteres Pilotprojekt der Zukunftsstiftung Bildung aus 2020 ist „W.I.R. - in Europa. Wissen. Initiative. Respekt“. In mehreren Trainings werden ausgewählte Schüler*innen der Sek.II zu „Europacoachs“ ausgebildet, die dann Grundschüler*innen coachen können. Sie lernen das Peer coaching, Wissen und über Europa und die kritische Reflexion, auch von Medieninhalten. In so genannten Europaschulen erfahren sie hierfür sogar eine kleine Ausbildung durch Journalist*innen der „Reporterfabrik“. Medienkompetenz, Nachrichten von „fake news“ unterscheiden und Filmclips drehen, sind feste Bestandteile des Angebots.

Matthias Riepe (MR) von der Zukunftsstiftung Bildung hat mit Jörg Sadrozinski (im Text JS), Journalist und Leiter der "Reporterfabrik" von Correctiv, über die Notwendigkeit von Medienkompetenz für Schüler*innen.

MR: Herr Sadrozinski, wie steht es um den Umgang mit Medien in den Schulen? Die pandemische Krise hat ja deutlich gemacht, dass bedeutende Kompetenzen bei Lehrkräften und Schüler*innen gefragt sind, um den Online-Unterricht bewältigen zu können.

 

Medienkompetenz – insbesondere Nachrichten- und Informationskompetenz – ist heute so wichtig wie Mathe oder Biologie. Für Lehrer*innen oder für Verantwortliche im Bildungsbereich mag diese These provokant klingen. Es geht aber nicht darum, die Bedeutung von Naturwissenschaften in der Schulausbildung kleinzureden, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass nach wie vor Defizite in einem Bereich herrschen, der für die Meinungsbildung in unserer demokratischen Gesellschaft wichtig ist, und immer wichtiger wird. Nicht erst die Corona-Krise zeigt, wie schwer es fällt, seriöse Informationen von Halbwahrheiten und Falschnachrichten zu unterscheiden. Diese Kompetenz sollte schon in den Schulen vermittelt werden. Mit ihrem Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" und dem "Kompetenzorientierten Konzept für die schulische Medienbildung" hat die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits vor fünf Jahren anspruchsvolle Anforderungen an die Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen formuliert. Die KMK hat den Lehrenden und den Schulen empfohlen "außerschulische Kooperationspartner", insbesondere Medienanbieter und Bildungseinrichtungen, zur Vermittlung von Medienkompetenz zu nutzen. Obwohl alle Bundesländer, Landesmedienanstalten, Lehrerbildungs- und Schulentwicklungsinstitute und viele weitere öffentliche und private Initiativen und Organisationen mittlerweile „Medienführerscheine“ oder „Medienpässe“ anbieten und Lehrmittel, -pläne, -plattformen, Spiele und mehr bereitstellen, ist der Bedarf an konkreten Maßnahmen zur Erlangung von Medienkompetenz nach wie vor groß.

MR: Sie sind innerhalb der „Reporterfabrik“ besonders an Medienprojekten engagiert. Was machen Sie da?

Hier knüpft beispielsweise die „Reporterfabrik“ an. Die „WebAkademie des Journalismus“ organisiert seit 2019 bundesweit Schulbesuche von Journalistinnen und Journalisten und produziert begleitende Unterrichtseinheiten. Denn viele der Anforderungen an die Aus- und Fortbildung von Lehrenden, die in der KMK-Strategie formuliert werden, gehören zum Grundwissen und zur täglichen Praxis von Journalistinnen und Journalisten: Informationen recherchieren und auswählen; Medien produzieren; Datensicherheit und Datenmissbrauch verstehen und erkennen; mediale Gewaltdarstellungen bewerten. Kurzum: die Mediengesellschaft verstehen.

MR:  Wofür steht die „Reporterfabrik“?


JS: Die „Reporterfabrik“ und das Schwesterportal, die Bürgerakademie (http://buergerakademie.info), sind Plattformen des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV und des Reporter-Forums e.V.. Die Web-Akademien für Journalisten und Bürger sind seit 2019 online und wurden mithilfe von gemeinnützigen Stiftungen finanziert.

In der Reporterfabrik werden die Grundlagen des journalistischen Handwerks vermittelt, die professionelle Arbeit der Medien wird durchschaubar gemacht, der Desinformation entgegengewirkt und Journalisten aus- und fortgebildet. Die Bürgerakademie für Kommunikation will helfen, die Öffentlichkeit zu qualifizieren: Sie macht die Arbeit der klassischen und sozialen Medien auch für Laien transparent und vermittelt Kommunikationskompetenz an interessierte Bürgerinnen.

Ziel beider Plattformen ist die „redaktionelle Gesellschaft“. Dieser Begriff geht auf den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zurück, der angesichts der Möglichkeiten der Bürger selbst zu veröffentlichen, fordert, dass diese auch bestimmte Regeln kennen und lernen müssten, damit ein qualifizierter gesellschaftlicher Dialog möglich werde. 

MR: Welches Projekt verfolgen Sie und die „Reporterfabrik“ gerade aktuell?


JS: Das Ziel, Lehrerinnen und Lehrer bei der Vermittlung von Nachrichten und Informationskompetenz zu unterstützen, verfolgt auch das bundesweite Netzwerk „Journalismus macht Schule“: Journalistinnen und Journalisten zahlreicher Medien, von Landesmedienanstalten, Landeszentralen der politischen Bildung und anderer Institutionen und Organisationen haben sich zu diesem neuen Bündnis zusammengeschlossen. Das bundesweite Netzwerk will Schülerinnen und Schülern dabei helfen, sich verlässlich zu informieren und sich so eine unabhängige Meinung bilden zu können.

Hinter dem Netzwerk stehen Journalistinnen und Journalisten aus großen Medienhäusern wie zum Beispiel der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, des NDR, aber auch andere, wie der Reporterfabrik. 15 von ihnen kümmern sich um die Organisation des Netzwerkes, insgesamt sind mehr als 600 beteiligt. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, wurde mit der bundesweiten Aktion „Journalismus macht Schule“ aufmerksam gemacht: Prominente Journalistinnen und Journalisten „gingen“ (meist per Videokonferenz in Schulen in ganz Deutschland).  Es war der Auftakt einer bundesweiten Medienkompetenzwoche, bei der sich zahlreiche Bildungseinrichtungen und Medien in ganz Deutschland beteiligen.

Caren Miosga, Pinar Atalay, Ingo Zamperoni (ARD-Tagesthemen), Marietta Slomka und Claus Kleber (heute journal), Anja Reschke (Panorama), Georg Mascolo (Rechercheverbund SZ, WDR, NDR), Giovanni di Lorenzo, Sabine Rückert (Die Zeit), Alexandra Föderl-Schmidt, Annette Ramelsberger (Süddeutsche Zeitung) und weitere prominente Journalistinnen und Journalisten wie Constantin Schreiber (ARD Tagesschau), Mirko Drotschmann („Mr. Wissen-to-go“) oder Mai Thi Nguyen-Kim (Wissenschaftsjournalistin, „Journalistin des Jahres 2020“) sprachen über die Gefahren von Falschnachrichten und die Bedeutung der Pressefreiheit, ihre Arbeit und, vor allem, sie beantworten Fragen der Schülerinnen und Schüler.


MR:  Was passiert genau in diesem Projekt „Journalismus macht Schule“?


Kerstin Schröter, ehemalige Journalistin, jetzt Lehrerin und Dozentin der Lehrerfortbildung und Sprecherin von „Journalismus macht Schule“, sagt: „Wir wollen den Schulen dabei helfen, den Schülerinnen und Schülern Nachrichten- und Informationskompetenz mit auf den Weg zu geben, indem wir bundesweit Besuche von Journalistinnen und Journalisten, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in den Ländern, aber auch erprobtes Unterrichtsmaterial vermitteln.  Dabei geht es uns vor allem darum, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie sich am besten informieren und wie sie selbst veröffentlichen können. Sie lernen, wie man clever recherchiert, Fake News erkennt oder selbst Medien produziert wie zum Beispiel Videos oder Audios.“

All das könne in den Schulklassen nach dem Besuch der Journalisten auch online weiter geübt werden. Beim Besuch einer Schulklasse zeigen Journalistinnen und Journalisten an konkreten Beispielen aus ihrer Arbeit, wie Journalismus funktioniert, was seine Stärken und Risiken sind, woran Qualitäts-Journalismus zu erkennen ist. Darüber wüssten viele Jugendliche nur sehr wenig. Hinzu komme die Chance, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie selbst Medien am besten nutzen können, was sie beispielsweise auf Instagram, WhatsApp oder eigenen Blogs machen können und was sie dort besser nicht machen sollten. 

MR: Worum geht es im Kooperationsprojekt von der Reporterfabrik und der Zu­kunftsstiftung Bildung?

Bei dem gemeinsamen Projekt „W.I.R. in Europa“ steht das „W.I.R.“ für „Wissen. Initiative. Respekt. Es nehmen Kinder von Europaschulen teil, die als Peer Coachs Kenntnisse über Europa erwerben. Unser Beitrag ist: Durch das Erlernen journalistischer Methoden (z.B. bei der Recherche über europäische Themen) vermitteln wir eine allgemeine Nachrichten- und Informationskompetenz. Diese Kompetenzen werden sogar vertieft, weil die älteren Schüler*innen das Gelernte in ihrer Rolle als Coachs an Jüngere weitergeben. „Doppelt genäht hält besser“, lautet eine alte Weisheit. Wir sind uns sicher, dass dieses Lehr- und Lernprinzip junge Menschen befähigt, Falschnachrichten zu erkennen und ihre Verbreitung zu verhindern. Ihre eigene und die Urteilsfähigkeit ihrer Coachees wird zuneh­men. Die Schüler*innen werden künftig dazu beitragen, dass der Dialog in sozia­len Medien an Qualität gewinnt. Und sie werden damit Teil der „redaktionellen Gesellschaft.“

Matthias Riepe

Jörg Sadrozinski, Journalist und Leiter der "Reporterfabrik" von Correctiv

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Jahresbericht 2020

Zukunftsstiftung Bildung

Die gemeinnützige Zukunftsstiftung Bildung ist eine der insgesamt sechs Themen- und Zukunftsstiftungen der GLS Treuhand. Sie hat die Erneuerung von Bildung in Kindergärten und Schulen sowie in außerschulischen Einrichtungen und Ausbildungen zum Ziel.Hierfür unterstützt sie Konzepte und Methoden, die eine individuelle Entwicklung von jungen Menschen fördern, damit diese sich zu freien und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten entfalten können. Ziel ist, dem oder der Einzelnen zu ermöglichen, aus sich selbst heraus Interesse, Engagement und Verantwortung für das gesellschaftliche Gemeinwohl zu entwickeln.

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