„Wir müssen mehr aus den Zukunftskräften heraus arbeiten“

Hartwig Ehlers ist schon quasi von Beginn an mit der GLS Treuhand verbunden. Die Beziehung zueinander – stets bewegt: Von inspirierend über öde bis zum „Erlebnis der Bochumer Dynamik“, u.a. als Aufsichtsratsmitglied. 2021 steht für ihn ein 50-jähriges Jubiläum als Landwirt und Heimleiter an – jetzt allerdings schon als Stellvertreter.

Sie sind schon seit den 60er Jahren mit der GLS Treuhand verbunden. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Hartwig Ehlers: In den 60er Jahren gab es einen intensiven Austausch mit Wilhelm Ernst Barkhoff, der ja auch 1968 zur Begründung der Gemeinnützigen Kredit Garantiegenossenschaft (GKG)
beitrug, zu der sich dann später, 1974, noch die GLS Bank hinzugesellte. Die Impulse von ihm, aber auch von meinen Eltern, von Dr. Nicolaus Remer (Wissenschaftler im Bereich biologischdynamischen Landwirtschaft, Anm. der Red.) und anderen so zugewandt zu erleben – das war für uns damals junge Menschen im höchsten Maße intensiv. Meinem Bruder Hans und mir war es dadurch eine Selbstverständlichkeit, einen Sozialimpuls zusätzlich zu den landwirtschaftlichen und den kulturellen Impulsen zusammenzudenken. Dabei gab es stets einen regen Austausch mit Wilhelm Ernst Barkhoff und den Instanzen der GLS Treuhand.

Hartwig Ehlers mit der Hofgemeinschaft vor rund 50 Jahren (mitte, hinter Korb) Rechte: Hartwig Ehlers

Und wie kam es zu der Rolle als Aufsichtsratsmitglied?

Hartwig Ehlers: Die Organisationsform der GLS Treuhand hat sich irgendwann verfestigt und die Beziehung greifbar gemacht. Herr Barkhoff hat noch unsere Verträge und unsere Satzungen geschrieben. Doch gegen Ende der 70er Jahre wurde die Verbindung mit Bochum öder. Sie war eigentlich im Koma. Anfang der 2000er haben wir uns dann, besonders mein Bruder Hans, gedacht, dass wir das wieder neu beleben müssen. In dem Zuge eröffneten wir unsere Konten bei der GLS Bank. Es war also zunächst rein geschäftlicher Natur.

Doch das brachte es mit sich, dass es auch wieder einen sozialen Austausch gab. Da wurde die Bochumer Dynamik der GLS Treuhand für uns wieder erlebbar. Und so kam es, dass ich von Herbert Meier, damals Vorstand der GLS Treuhand, den Hinweis erhielt, dass ein neuer Aufsichtsrat gebildet wird. Es war der Hof Ehlers, der mich dann als Vorschlag benannte.

Was muss unter der Arbeit als Aufsichtsratsmitglied vorstellen?

Die Arbeit hat sich stets gewandelt. Man kann das nicht als Funktion beschreiben, zumindest aus meiner Sicht. Neben meinen Schwerpunkten Landwirtschaft und Soziales ging es um Grundsätzlicheres wie die Fragen, „was kann die GLS Treuhand als Instanz überhaupt bedeuten?“ „Mit welchem Motiv steht die GLS Treuhand in der Welt?“.

Was hat Sie in den vergangenen Jahren am meisten bei der Arbeit mit der GLS Treuhand beschäftigt?

Ganz besonders die Komplexität einer Initiative wie die der GLS Treuhand, die sowohl nachhaltig Mittel akquirieren kann und muss und diese zukunftsträchtig im Sinne der kooperierenden Partner verwenden soll. Die Zerrissenheit zwischen Geschäftsbetrieb und Sozialimpuls. Das war immer eine große Herausforderung die im Raum stand und die ja auch ständig neu gegriffen werden muss. Das taucht ebenfalls hier im Jahresbericht als Titelthema auf: Im Kreislauf wirken. Mittel und Verwendung dürfen sich nicht ausschließen und müssen gemeinsam wirken.

Landwirtschaft und Hof wirken sollen aus der Gesamtheit heraus wirken. Rechte: Hartwig Ehlers

Zerrissenheit: Was meinen sie damit?

Nehmen wir das Beispiel Landwirtschaft: Wir arbeiten auf unseren Höfen nach dem „biologisch-dynamischen Impuls“. Der könnte verstanden werden als eine betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise wie die der Produktionsfrage. Er könnte aber auch sozial-ökologisch verstanden werden. Und sie könnte dennoch dieselben Ziele versorgen, nämlich Verbraucher-Versorgung und wirtschaftliches Handeln und zusätzlich eine sozial-ökologische Instanz repräsentieren.

Landwirtschaft und Hof wirken, das ist meine Überzeugung, immer aus der Gesamtheit heraus. Und die GLS Treuhand und GLS Bank wirken ebenso aus der Gesamtheit und der Tatsache, dass sie diese beiden Welten, Geschäftliches und Sozialimpuls, verbinden können.

Das ist das Neue für das die GLS Treuhand steht. Wir brauchen diesen Kreislaufgedanken, in dem gemeinsam nicht nur gewirkt, sondern Synergien geschaffen werden! Das was wir Komplexität und Synergiepotenzial nennen, das sind die Ressourcen der Zukunft. Und die müssen gefunden werden.

Wie würden Sie den „Treuhand-Geist“ beschreiben?

Das ist im allgemeinen Leben die Verantwortung Bochums. Die Bochumer Initiative als Ganzes, Menschen und Ideen zu befördern und nicht etwas nur selbst zu machen. Also nicht selbst zum großen Macker werden, sondern die anderen unterstützen (lacht). Und nehmen Sie zur Kenntnis: Es gibt einen Großteil von Menschen die damit eine große Hoffnung verbunden haben und immer noch verbinden!

2008 sagten Sie einmal in einem Interview, Sie hielten es wie ihr Vater und würden dem Motto folgen „nie zu arbeiten“ sondern nur den eigenen "Interessen nachgehen". Nun, zwölf Jahre später: Klappt das immer noch?

(Schmunzelt) Natürlich muss man Kompromisse eingehen. Aber ich habe das Glück gehabt, nie angestellt gewesen zu sein. Ich war immer freiberuflich, auch hier als Landwirt, Geschäftsführer und als Heimleiter. Aus meiner sozial-ethischen Herkunft wird vermieden, die Menschen durch Anstellungsverhältnisse in weisungsgebundene Tätigkeit zu führen, wenn sie es nicht ausgesprochen wollen. Ernst Barkhoff beschrieb einmal die Lohnverhältnisse als Fortführung des Sklaventums. Und an dieser Stelle kam mein Vater und sagte „Ich arbeite nicht für Geld“ sondern für das, was er erreichen will. Obwohl er nun wirklich nie viel Geld hatte. Und das war für mich ein ziemlich gesunder Gesichtspunkt. Aus dem Willen heraus zu handeln ist etwas äußerst Schönes.

Aus diesem Geist heraus wurde die Hofgemeinschaft Weide-Hardebek gegründet. Was passiert da?

Wir sind aus dem Hof Ehlers in den 70er Jahren entstanden. Mittlerweile sind wir eine ganze Reihe von Höfen mit vielen Kooperationen, die alle auf der Grundlage eines landwirtschaftlichen biodynamischen Betriebes mit einem sozialen Impuls arbeiten. Unser zweites Standbein ist die Sozialtherapie. Wir haben hier Arbeitsfelder und Ausbildungsfelder für Menschen mit Hilfebedarf, die man sonst „Behinderte“ nennt. Wir statten die Höfe so aus, dass allen Menschen ermöglicht wird, ihren Beitrag zu leisten. Durch ihre Teilhabe, ihre Tätigkeit und durch ihre Arbeit. Das alles ist in einer Form des Zusammenlebens eingebettet, die wir Gemeinschaftsleben nennen. Es ist ein landwirtschaftlicher Sozialraum, in dem das Wirtschaften, das Soziale und das Kulturelle synergetisch als Konstituierendes gesehen wird.

Alles ist in einer Form des Zusammenlebens eingebettet, die "Gemeinschaftsleben" genannt wird. Rechte: Hartwig Ehlers

Höfe als Erlebnisfeld. Rechte: Hartwig Ehlers

Sie wagen damit jede Menge in einem teils ungekannten Terrain. Wo fehlt solch eine Bereitschaft, Experimente zu wagen?

Wir könne nicht die Welt alleine retten. Wir machen nicht das, was „man“ tun soll. Aber wir sind hoffentlich auch ein Beispiel dafür, dass so etwas funktionieren kann. Das ist nach wie vor ein hohes Wagnis. Weil wir jetzt mehr aus den Zukunftskräften herausarbeiten müssen, denn die Vergangenheitskräfte sind verbraucht. Dafür können Höfe ein Erlebnisfeld sein. Das ist ein Aufruf an uns und andere Höfe, diese Verantwortung mitzudenken und in die Zukunft zu tragen. Wir versuchen intensiv dazu zu ermuntern. Durch Tagungen und die Ausbildung die wir dafür betreiben. Nicht nur im landwirtschaftlichen Handwerk, sondern auch durch die Ausbildung der Sozialkompetenz. Die sollte man können und praktizieren. Die Höfe sind doch voller Menschen, zumindest die biodynamischen Höfe. Und man muss lernen damit umzugehen, das kommt nicht von alleine. Wir müssen uns befähigen und wir müssen andere auch befähigen.

Welches experimentelle Erlebnis ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

(Überlegt länger) Einmal das merkwürdige Erlebnis, dass Landwirtschaft so eine in jeder Hinsicht bildende Wirksamkeit haben kann. Das ist fast wie ein Weltwunder für mich und mein persönliches Erlebnis. Wovon wir hier gesprochen haben in einen Zusammenhang, ja in einen Hof zu bringen: Dass begeistert mich grenzenlos. Nach wie vor. Oder wie Menschen aufeinander und miteinander wirken können. Wenn wir in unserer Sozialtherapie mit Menschen arbeiten, dann sind das im Grunde genommen Persönlichkeiten, die von außen als nicht befähigt gesehen werde, produktiv an dem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das ist der Grund, warum diese zu uns kommen. Und was aus diesen Menschen entstehen kann - das wirkt. Da ist man sprachlos. Wenn ich es platt sagen soll: Wenn ein Mensch, den einige „behindert“ nennen oder noch platter mit „der hat nen Schaden“ beschreiben, an der rechten Stelle ist, dann ist es ziemlich überraschend was dort entstehen kann. Das erlebe ich jetzt seit 50 Jahre. Das kann ich bestätigen. Ganz sicher.

Sie haben von einer „öden Phase“ zwischen Ihnen und der GLS Treuhand gesprochen, die durch Ihre Rolle als Aufsichtsratsmitglied überwunden wurde. Nun sind Sie 2019 aufgrund der Satzung gegebenen Altersgrenze ausgeschieden. Wie vermeiden wir denn nun eine erneute öde Phase?

(Lacht) Gut, dass Sie das fragen. Das habe ich noch nicht beantwortet. Ich bin jetzt natürlich weiter in enger Verbindung mit Johanna Keller (Sprecherin des Aufsichtsrats), die auch hier oben wohnt und mit Albrecht Römer (Aufsichtsratsmitglied). Aber dieses damalige konkrete Miterleben, diese Intensität (!), da habe ich schon jetzt etwas Entzugserscheinungen. Aber ich bin jetzt 71, da muss ich jetzt auch mal üben damit umzugehen, sowohl dort als auch hier operativ „raus“ zu sein. Mal schauen, was da jetzt entsteht. Das ist ja auch ein Experiment.

Wie es für den Fragesteller war:

Sven Focken-Kremer ist, im Vergleich zu Hartwig Ehlers, kaum einen Wimpernschlag bei der GLS Treuhand. Drei Jahre ist er mittlerweile als Leiter der Kommunikation tätig. Das Interview war für ihn sowohl eine Zeitreise zu den Wurzeln und Werten der GLS Treuhand als auch ein Blick in die Zukunft: Nur wer aus dem Vergangenen lernen kann, kann auch in die Zukunft wirken. Die Stimme von jemanden zu hören, der die GLS Treuhand so lange begleitet hat, war inspirierend. Besonders bewegte ihn der Satz „(wir müssen) mehr aus den Zukunftskräften heraus arbeiten, denn die Vergangenheitskräfte sind verbraucht“, als Losung für aktuelle Herausforderungen wie die Energiewende mit ihren Vergangenheitskräften von Kohle und Öl.

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