Zeitreise mit Rückfahrkarte

8.12.2021

Der Regen fällt in Fäden vom Himmel. Es herrscht ein reger Betrieb am Bahnhof Meiderich in Duisburg. Marktstände werden schützend vor den Regenmassen abgedeckt. Es liegt ein Duft von Brathähnchen in der Luft.

Da erblicken uns zwei blitzende hellblaue Augen, die uns anstrahlen und herzlich willkommen heißen. Unser Rucksack ist gepackt mit Proviant, die wetterfesten Schuhe sind angezogen und wir können es kaum erwarten, um uns auf unsere erste Zeitreise zu begeben. Wir, das sind Florian und Isabel, Mitarbeitende in der Abteilung Kommunikation und ab jetzt Zeitreisende in spe.

 

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Sven Focken-Kremer


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sven.focken-kremer@gls-treuhand.de

Stadtteilgeschichte erforschen

Der Mann mit den strahlend blauen Augen heißt Dieter Lesemann. Der ehemalige Geschichtslehrer an der Gesamtschule Meiderich und Projektteilnehmer der ersten Generation der„Stadtteil-Historiker Ruhrgebiet“ ist Autor des im Juni 2021 erschienenen Buchs „Von Hof zu Hof – Eine Wanderung durch 1000 Jahre Meidericher Bauerngeschichte“. Nach vierjähriger intensiver Recherche hat er seine Arbeit am Buch (vorerst) beendet und bietet Wanderungen im Duisburger Stadtteil Meiderich an, die über die Zeit vor der Industrialisierung informieren – doch dazu später mehr.

Die „Stadtteil-Historiker Ruhrgebiet“ sind ein Projekt von der GLS Treuhand und ihren Kooperationspartner*innen Bürgerstiftung Duisburg, Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, Gerda Henkel Stiftung und dem Ruhr Museum. Diese suchten im Jahr 2019 ambitionierte Hobby-Historiker*innen, die Stadtteilgeschichte aufarbeiten wollten. 2019 ging es nach der Verleihung von Stipendienurkunden für 18 Stadtteil-Historiker*innen „anne Schippe“. So auch für Dieter Lesemann.

An dem Projekt arbeitete er bereits seit zwei Jahren, als der vom Projekt Stadtteil-Historiker Ruhrgebiet erfuhr. Aus einem Urlaub in Tirol wurde spontan die Bewerbung abgeschickt. Nur mit seinem Tablet bewaffnet, ohne die bereits recherchierten Daten, verfasste er eine spontane Projektskizze– die überzeugte!

Gerade der Einstieg in das Projekt „Stadtteil-Historiker“ habe ihn in seiner Arbeit vorangebracht. „Wenn man vor sich selbst hinarbeitet, hat man keinen Zeitdruck. Da gibt es intensive und weniger intensive Phasen“, erkennt Lesemann rückblickend. Durch die Teilnahme an den „Stadtteil-Historikern“ habe er jedoch die nötige Struktur erhalten. Gerade der in Pandemiezeiten habe ihn der virtuelle, regelmäßige Austausch mit den anderen Projektteilnehmenden beflügelt.Die Unterstützung durch den Projektleiter Dr. Bleidick, sei für ihn besonders motivierend gewesen. „So konnte man mit Spaß an der Sache bleiben“, sagt der pensionierte Geschichtslehrer.

 

Auf Spurensuche gehen

Seine Nachforschungen haben ihn auf unterschiedliche Weise zum Ziel gebracht. Neben klassischer Archivarbeit im Stadtarchiv Duisburg, sondierte und wertete der 72-Jährige bereits bestehende Werke über Meiderich aus. Am Rande wurde auch über die Höfe berichtet.

Jedoch wurde gerade in zahlreichen Gesprächen mit Nachfahren Meidericher Bauernfamilien Verborgenes aufgedeckt.  Die Zwischenergebnisse von Lesemann wurden in Lokalzeitungenund dem ortsansässigen „Der Meidericher“ veröffentlicht. Auch bat er hierüber um Hilfe, wenn es an einer Stelle hakte. Der pensionierte Geschichtslehrer klingelte aber auch einfach an den noch rund 25 historisch bestehenden Haustüren. Oftmals hatte er Glück, da noch einige Nachfahren in ihren alten Familienhäusern wohnen. Während einer Recherche finde man jedoch auch viel Widersprüchliches. Gerade im Ruhrgebiet höre man Sprüche wie „Hömma, so war dat aber nischt!“. Letztendlich müsse man sich für die plausibelste Wahrscheinlichkeit entscheiden.

Der heimatverbundene Historiker versetzt sich gerne in die Zeit vor einigen Jahrhunderten zurück und fragt sich: „Wie ging es den Menschen damals?“. Romantisieren möchte er ein Hofleben um 1750 jedoch nicht. „Das war sicherlich kein Zuckerschlecken“. Schmunzelt gibt er zu, dass eine Zeitreise etwas für ihn wäre – dann aber nur mit Rückfahrkarte!

 

Bauernhof an Bauernhof

Rot gefärbtes Herbstlaub rankt sich verwunschen um ehemalige Bunkerschächte. Laub raschelt unter unseren Füßen und vor uns breitet sich ein riesiges Denkmal der Industrialisierung des Ruhrgebiets aus – der Landschaftspark Duisburg-Nord. Aus der ehemaligen Gießhalle wurde ein Kino, in der Kraftzentrale finden Veranstaltungen statt und einen Klettergarten können wir auch erkennen. Der Hochofen für den Hüttenbetrieb hebt sich als Zeitzeuge aus dem Boden empor. Das Rauschen der A42 ist im Hintergrund zu hören. Hier sollen wir der Geschichte ehemaliger Bauernschaften nachspüren? Wir sind noch skeptisch.

Lange bevor Meiderich Mitte des 19. Jahrhunderts von der Kohle- und Stahlindustrie verändert wurde, prägte etwas anderes das Landschaftsbild: Bauernhof an Bauernhof. Dieter Lesemann hat sich mit ihren Geschichten befasst und die ehemaligen Höfe ausgemacht. Zwei Arten von Wanderungen finden sich in seinem Buch.
Die erste, eine imaginäre Wanderung führt durch die Zeit und stellt den Kern des Buches dar. Auf dieser Reise werden alle Höfe besucht. Im unbegrenzten Raum springt der*die Leser*in zwischen Jahrhunderten hin- und her und erfährt Details über die Eigenheiten der Zeit.

Die zweite Art der Wanderungen findet der*die Leser*in im Anhang. Auf fünf Etappen kann jede*r auf Zeitreise im heutigen Meiderich gehen. Manche Wege sind verstellt und daher führt die Wanderung teils auf Umwegen zu den eigentlichen Höfen. Viele der Höfe sind zum größten Teil verschwunden. Die Etappen sind sehr  unterschiedlich. Lesemann erklärt, dass es davon abhinge, wo die Höfe waren und wie groß der Hunger der Industrie auf die Ländereien war.
Wir werden uns heute in eine der zwei ehemaligen Obernbauernschaften namens „Lösort“ begeben – diese Wanderetappe verdeutlicht besonders gut, warum  viele der Höfe verschwunden sind. Der Regenschirm wird aufgespannt und schützend über Fotokamera und Notizblock gehalten. Wir können es kaum erwarten – die Zeitreise nimmt so langsam Fahrt auf.

 

Gewaltige Transformation

Meiderich hat sich innerhalb nur eines Jahrhunderts von einem Dorf zu einem großen Industriestadtteil entwickelt. Seit Beginn der Industrialisierung ist der Stadtteil gewachsen und hat zahlreichen Menschen aus allen Herren Ländern ein neues Zuhause gegeben.

Auf einer Karte aus dem Jahr 1734 sind über 150 Ländereien in Meiderich namentlich erfasst. Ein starker Kontrast zum heutigen Stadtteil. Um 1800 waren rund zwei Drittel des Meidericher Gebietes Ackerland mit nur rund 1.200 Einwohner*innen.

1874 trug Meiderich jedoch schon den Titel des größten Dorfes in Preussen. Nur 20 Jahre später erhielt Meiderich mit rund 25.000 Einwohner*innen Stadtrechte und für 11 Jahre den Namen „Meiderich, Stadt am Niederrhein“. 1905 wurde Meiderich dann mit knapp 41.000 Einwohner*innen in Duisburg eingemeindet.

Viele Meidericher Bäuer*innen verkauften ihr Land an die Industrie und gaben ihre Höfe auf. Manche sind dadurch so wohlhabend geworden, dass sie sich Bauernvillen auf ihrem Restgrund bauten. Noch heute sind drei Villen im Stadtteil zu sehen. Drei Höfe betreiben noch immer aktiv Landwirtschaft in Meiderich: Der Ingenhammshof als Lernbauernhof, die Schäferei Stallmeister in den Ruhrauen und der Kolkerhof.

 

Zeichen der Zeit

Unter einer Brücke finden wir einen trockenen Unterstand und blicken auf alte Versorgungsleitungen der Hütten. Alte Bahntrassen mit wildgewachsenen Büschen und ehemaligen Fördertürmen tauchen am Horizont auf. Die Reste der rheinischen Stahlwerke tauschen vor Florians und meinen Augen so langsam den Platz mit dem Rönsbergshof. Den Namen erhielt der Hof von ebendiesem Rönsberg.

Die Höfe sind meist nach geografischen Begebenheiten oder Familiennamen benannt. So wurde der Rönsbergshof durch den Namen eines Eingeheirateten zum Thomashof.

Von der Eisenbahnbrücke aus eröffnet sich uns ein Blick auf einen mittlerweile zerschnittenen Stadtteil. Häufig konnte die anschwellende Industrie noch nicht beurteilen, ob sie die Ländereien wirklich einmal gebrauchen können würde. Aus Vorsicht wurde diese jedoch aufgekauft und viele Ländereien und Höfe verschwanden, obwohl die Fläche letztendlich nicht genutzt wurde. „Nicht alles war sinnvoll und nach Plan“, erklärtLesemann. Gebannt lauschen wir unserem Führer und vor unserem geistigen Auge reiht sich Bauernhof an Bauernhof. Wir hören die Hühner krähen, riechen den Duft von frisch gemähtem Rasen  und grüßen imaginär einen altbekannten Nachbarn. Das alte Meiderich lebt!

 

Meiderich - ein riesiger Stadtteil

Die Emscher ist immer die Grenze des Kirchspiels Meiderich gewesen und so begleitet sie uns stehts auf unserer Wanderung. Bei dem Wort „Kirchspiel“ haken wir nach. Die acht Bauernschaften ergaben zusammen das Kirchspiel Meiderich. Eine Bauernschaft hieß jedoch auch Kirchdorf Meiderich. Die Verwechslungsgefahr ist somit hoch – Lesemann, ehemaliger Pädagoge, erklärt uns jedoch mit sehr viel Ruhe und Geduld die Eigenheiten im alten Meiderich.

Meiderich steht daher auch übersetzt aus dem Germanischen für „feuchte Wiesen“ und „wiesenreich“. Im Westen vom Rhein, im Süden von der Ruhr und im Norden von der Emscher begrenzt, waren die Einwohner*innen von Meiderich nicht selten vom ständigen Hochwasser geplagt. Feucht ist es heute definitiv auch. Der nächste Regenschauer bahnt sich an.

Ein Drittel der Höfe war meist nicht größer als ein Fußballfeld, rund 0,7 Hektar. Viele der Familien waren Selbstversorger*innen. Wenn man jedoch alle Höfe zusammennimmt, kann Meiderich als riesiger Stadtteil beschrieben werden. „Ohne die Bebauungen wäre hier enorm viel Platz“, schlussfolgert Lesemann.

 

„Es geht so langsam los“

In Meiderich gab es schon einige Hobby-Historiker*innen. Die letzten Veröffentlichungen liegen jedoch knapp 100 Jahre zurück – für Lesemann ein Grund mehr, dass es mal wieder Zeit für etwas „Neues“ über Meiderich sei.

Im Juni 2021 erschien das 200 Seiten starke Buch. Ob es das besondere Angebot eines persönlichen Lieferservices mit dem Fahrrad innerhalb Meiderichs war oder das Geschichtsinteresse der Meidericher unterschätzt wurde – Fakt ist, dass bereits die 3. Auflage des Buches angefordert wurde.

Aber nicht nur im „Stillen“ vertiefen sich Geschichtsinteressierte in Lesemanns Buch. Weitere Anfragen zu beispielsweise Lesungen oder von der Duisburger Mercator Gesellschaft erreichen ihn. „Es geht so langsam los“, erzählt der Stadtteil-Historiker mit strahlenden Augen.

Gemeinsam wandern wir weiter. Lesemann erzählt von den Höfen, die wir passieren und Florian und ich sehen und hören keine Autos mehr und geteerte Straßen. Die Kapuze wird tiefer ins Gesicht gezogen und unsere Fußabdrücke sind noch einige Zeit im vollgesogenen Schotter zu erkennen. Die Höfe zeichnen sich auf unserer Netzhaut ab und wir tauchen ein in das Meiderich um 1800. Das Geklapper von Hufen ist zu hören. Müde kommen die Bäuer*innen vom Feld und freuen sich schon auf den herrlich duftenden Eintopf.

Das Hupen eines Autos katapultiert uns wieder in das Jahr 2021 zurück – doch nur einige Sekunden später riechen wir wieder die herrliche Landluft und den Duft von frischem Heu. Weiter führt es uns zum Buschmannshof und Backhaushof. Allein die Namen sind Balsam für die Zeitreisendenseele.

 

„Zufälle bringen viel zu Tage“

Während des Studiums in den 1970er Jahren arbeitet Dieter Lesemann in einer Wäscherei in Meiderich und war für die Auslieferung verantwortlich. Während seiner regelmäßigen Fahrten kam er immer wieder an Höfen in Meiderich vorbei und fotografierte sie. Warum? Das weiß der 72-Jährige selbst nicht mehr.

Mit den Fotografien geschah jedoch vorerst nichts und die Dias verstaubten für einige Jahrzehnte im Keller des Hobby-Historikers. Wie es der Zufall jedoch wollte, fand er diese nach geraumer Zeit wieder und sein Projekt war geboren.

Von derartigen Zufällen berichtet Lesemann immer wieder. So versteckte sich im Fotoalbum einer eingesessenen Meidericherin noch verschollen geglaubte Aufnahmen eines weiteren Hofes. Durch die Berichte über Lesemanns Projekt wurde wiederum ein Duisburger Arzt auf seine Recherchen aufmerksam und stellte einen ganzen Karton an Materialien zu seiner Hoffamiliengeschichte bereit. Das Material ist mittlerweile im Stadtarchiv Duisburg gesichert. Wiederum ein Schafzüchter kam auf ihn zu und korrigierte seine Annahme, dass es nur noch den Ingenhammshof als aktiven Hof in Meiderich gäbe – so fügte sich Puzzlestück zu Puzzlestück.

 

Zusammenhalt durch Stadtgeschichte stärken

Etwas traurig stimmt den ehemaligen Lehrer, dass gerade sein Herzensprojekt der Stadtgeschichte in der Schule überhaupt keine Rolle spiele. Viele Lehrer*innen an seiner ehemaligen Schule wüssten kaum etwas über die Stadtteilgeschichte. Gerade das sei aber seiner Meinung nach so wichtig, um auch verstehen zu können mit welchen Herausforderungen Kinder und Jugendliche im Stadtteil konfrontiert seien. „Meiderich ist kein einfacher Stadtteil“, sagt Lesemann nachdenklich.

Die Gesamtschule Meiderich versucht jedoch mittlerweile in diesem Bereich zu sensibilisieren und organisierte eine Fortbildung zum Thema „Meiderich“. Natürlich war Lesemann als Experte auch geladen.

 

Von Bratkartoffeln und Napoleon

„Viel Fantasie“ brauche man schon, um sich die ehemaligen Höfe vorstellen zu können, gibt unser Hof-Experte lächelnd zu. So schillernd wie er jedoch von beispielsweise alten Spinnradgeschichten berichtet, fällt uns das nicht schwer. Während die Geschichten abends nach getaner Arbeit auf den Höfen erzählt wurden, war nicht selten ein Spinnrad zu hören, das in der Ecke surrte.

So erzählte man sich, dass auf dem Hörstgenshof ein typisches „Bratkartoffelverhältnis“ eingegangen wurde – jedoch mit Folgen. Meiderichs Einwohnerzahl wuchs in nur kurzer Zeit. Häufig fanden die neu Zugezogenen nicht direkt eine Unterkunft und wurden eine Zeit lang von Meiderichern aufgenommen – für ihre Arbeit auf dem Hof, erhielten die Arbeiter*innen eine Unterkunft und Kost. Zur damaligen Zeit häufig Bratkartoffeln.

Eben dieses „Verhältnis“ wurde einem Ehemann zum Verhängnis. In seinem Haus nahm er zwei „neue“ Meidericher auf. Seiner Ehefrau gefiel einer der Männer besonders gut. Zusammen mit den Neuankömmlingen schmiedete sie einen tödlichen Plan. Eines morgens war der Ehemann tot in der Emscher zu finden. Der Fall wurde jedoch aufgedeckt und führte zu einem der ersten Todesurteile am Duisburger Gericht.

Erheiternd ist auch die Geschichte über den „alten“ Buschmann, der partout nicht hinnehmen wollte, dass er seinen alteingesessenen Platz in der Kirche nicht mehr einnehmen dürfe. Aus unterschiedlichen Gründen hatte man sich zu einer neuen Sitzordnung entschlossen. Als der „alte“ Buschmann dann noch einen Fremden, der nicht einmal aus Meiderich stammte, auf seinem Platz erblickte, setzte er sich aus Protest auf den Schoß des „Platzbesetzers“.

Sogar Napoleon soll es laut Überlieferungen bis nach Meiderich geschafft haben. Die Höfe waren meist auch Gasthöfe und Brauereien. Es hatte sich rumgesprochen, dass ein Hof ein besonders leckeres Braunbier anbiete – das lockte Napoleon an, der dort einen Zwischenstopp auf seiner Reise nach Duisburg eingelegt haben soll.

 

Darstellung des Buschmannshofs Bildrechte: Dieter Lesemann

Mit Euphorie bei der Sache

Für den Freizeit-Historiker ist klar: Er möchte weiter machen. Nur welchem Projekt er sich widmen möchte, ist noch nicht entschieden.

Gerade durch seinen kostenlosen Lieferdienst in Meiderich, kam er mit weiteren alteingesessenen Meiderichern in Kontakt. Bei einer Tasse Kaffee kamen so noch einige Geschichten zu Tage. Die Klientel von Lesemann ist meist weit über 80 Jahre alt. Aber eben diese Zeitzeugen wüssten manchmal noch ganz genau, wie sich das Leben auf den Höfen zugetragen habe. Gerade diese Begegnungen heben für ihn die trockene Geschichtsarbeit auf eine andere Ebene. Und bei einem ist sich Lesemann sicher: Erfahren hat er sicherlich noch nicht alles über die ehemaligen Höfe in Meiderich.

Einem alten Meidericher ist er jedoch noch ein Versprechen schuldig: eine Recherche zu den Gaststätten in Meiderich. Ob es nun eine Fortsetzung des Buches, ein völlig neues Projekt oder sogar beides geben wird: Lesemann freut sich auf seine weitere historische Arbeit.

 

Im Wandel der Zeit

Schneller als erwartet, erreichen wir das letzte Ziel unserer Etappe: den Ingenhammshof. Schüler*innen misten die Ställe aus und hieven Schubkarre um Schubkarre hoch. Ein reges Treiben herrscht auf dem heutigen Lernbauernhof.

Aus dem alten Wohnhaus auf dem Ingenhammshof hören wir Stimmgewirr. Der Duft von Kaffee und frischem Kuchen lockt uns. Seit den Sommerferien bieten Schüler*innen hier unter der Woche ein Café an. (Zeit-)Wandern macht hungrig und so legen wir eine kleine Pause ein. Bei frischgebackenem Zwetschenkuchen erfahren wir mehr über die Geschichte des Ingenhammshofs.

Bereits 1903 wurde ganz in der Nähe des Hofes der erste Hochofen gebaut. August Thyssen hatte damals ein Auge auf den Hof geworfen, doch vorerst blieb dieserbestehen. Die Familie des Hofes nutzte die neu zugezogenen Kund*innen für Geschäfte. So versorgte der Hof die sogenannten Konsumläden für Arbeiter mit Produkten und übernahm die Fuhrhalterei – Waren wurden von A nach B gebracht.

1919 war die Familie jedoch gezwungen den Hof zu verkaufen: Als Absicherung für Thyssen, falls er die Fläche für die Erweiterung seines Standortes benötigen würde. Dies war jedoch nicht der Fall und bereits 1922 wurde wieder Landwirtschaft auf dem Hof betrieben. Die Veränderung des Stadtteils ging jedoch auch nicht an diesem Hof vorbei. 1974 wurde dieser an die Stadt Duisburg verkauft. Die AWO wurde auf den Hof aufmerksam und nutzt ihn seit dem Jahr 1993 für offene Jugendarbeit. Mittlerweile haben die Stadt Duisburg, die AWO und die Gesamtschule Meiderich auf dem Hof ein gemeinsames Ziel gefunden – Hofarbeit erfahrbar machen für Kinder aus dem Stadtteil.

In der 5., 6. und 7. Klasse können die Schüler*innen das Profil Naturwissenschaften wählen und verbringen dann einen Schultag pro Woche auf dem Lernbauernhof – das Fach ist beliebt, erzählt Lesemann mit einem Augenzwinkern: „Alles sei besser als normaler Unterricht“. Der Ingenhammshof gehört fest zur Gesamtschule und wird bereits als 3. Standort betrachtet. Neben dem alten Bauerngarten, gibt es auch einen anatolischen Garten, der sich durch ansässige türkische Familien gegründet hat.

Nach einer herzlichen Verabschiedung durch Herrn Lesemann steigen wir in die Straßenbahn. Hinter den Bäumen zeichnet sich noch ein Bauernhof ab – oder nicht? Das Rückfahrticket für die (Zeit-)Rückreise ist leider schon gebucht und wir rattern mit einem Höllenlärm der Realität wieder entgegen. Denn auch die Straßenbahnen in Duisburg – muss man wissen - sind nahezu historisch.

 

Bildrechte: Dieter Lesemann

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