Hoffnung für Kinder und ihre Familien

Im Juli 2021 wurde das Ahrtal in Rheinland-Pfalz von einer beispiellosen Jahrhundertflut heimgesucht. Der Waldorfkindergarten Pusteblume liegt fünf Kilometer entfernt von dem betroffenen Gebiet in Grafschaft- Oeverich. Durch die geografische Lage auf einem Berg hat ihn die Flut verschont.  Da er jedoch im Einzugsgebiet von Ahrweiler liegt, sieht er seine Aufgabe in dieser schweren Zeit darin, den Kindern einen sicheren Ort zu geben. Während der Bedarf an Sicherheit und Alltagsstrukturen hoch ist, sind derzeit noch viele Kinder ohne Kindergartenplatz, da sehr viele Einrichtungen beschädigt oder nicht nutzbar sind. Aus dem Grund möchte der Waldorfkindergarten Pusteblume eine neben der Einrichtung stehende „Scheune“ ausbauen, um fünf weitere Kinder aufnehmen zu können. Über die aktuelle Lage im Ahrtal und die besonderen Bedarfe der Menschen und vor allen Dingen der Kinder vor Ort, hat für uns Finanzvorständin Tanja Dybowski geschrieben.

Die Lage vor Ort und Zielgruppen des Projekts

Der Waldorfkindergarten „Pusteblume“ in Oeverich liegt oberhalb des Ahrtals und bildet mit anderen Kleingemeinden die Verbandsgemeinde Grafschaft. Somit liegt die Einrichtung in unmittelbarer Nähe der Flut und gleichzeitig im geschützten Raum auf dem Berg. Alle Eltern, Kinder, Mitarbeiter*innen sind in mittelbarer und unmittelbarer Weise von den Folgen des Hochwassers betroffen, kennen Menschen, die die Flut nicht überlebt haben, Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben, Menschen, die kein Einkommen mehr haben. Das ganze gewohnte Leben ist aus den Fugen geraten, verbunden mit Ängsten, Unsicherheiten und vielen offenen Fragen. Auch 3 Monate nach der Flut sterben Menschen, vergessen in ihren Häusern, nehmen sich Helfer das Leben angesichts der Hilflosigkeit den vielen Aufgaben gegenüber. Neben den medialen Berichten über Fortschritte sieht das Leben vor Ort eher düster aus. Zu groß ist die Zerstörung. Ein Vergleich mit Kriegserlebnissen ist nicht übertrieben. Zerborstene Fenster, zerstörte Erdgeschosse und Keller, die Gärten tot. Das zerstörte Inventar ist größtenteils entsorgt und auch der Gestank ist nicht mehr so penetrant. Die Straßen sind teilweise befahrbar, mit dem Risiko eines Plattens, weil eben doch noch Material rumliegt. Viele Heizungen fehlen und auch Strom ist nicht überall.

Es gibt viele ehrenamtliche Helfer*innen, die nun mit ihren Möglichkeiten an die Grenzen stoßen, Hilfsorganisationen, die ihr Angebot – z.B. Essensausgaben – zurückfahren, ohne dass die sozialen Dienste wieder aktiv sind. Das Ahrtal ist noch eine offene Wunde. Es gibt eine riesige Spendenbereitschaft in Deutschland, aber das Geld und der Bedarf finden nur mühsam zueinander. Anträge, Finanzpläne, Spendenzwecke – für all diese bürokratischen Schritte haben traumatisierte Menschen keinen Plan, stehen hilflos davor. Und es dauert einfach zu lang.

Diese Situation kostet Kraft, zwischen Bangen und Hoffen leben die Erwachsenen und Kinder. Neben den tragenden Überlebensmechanismen treten jetzt –und zunehmend mit der dunklen Jahreszeit–Verhaltensauffälligkeiten und posttraumatische Symptome an die Oberfläche. Notfallseelsorge wird in den nächsten Monaten und Jahren eine wichtige Begleitung sein. Die Flut hat etliche Kindergärten im Ahrtal zerstört, Betreuungsplätze fehlen, Familien sind evakuiert, die normalen Gruppenstrukturen durcheinander. Der Waldorfkindergarten will aus diesen Gründen sein Betreuungsangebot für Kinder- und Eltern erweitern, eine Außengruppe mit Schutzraum zeitnah einrichten. Hier kann der Waldorfkindergarten auf Grund seiner Lage ein heilender Ort sein, empathisch genug für die Ereignisse und therapeutisch für die verletzten Seelen. Zur weiteren Zielgruppe gehören - neben den Familien - Erzieher*innen aus dem Ahrtal. Es entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund ein Netzwerk mit den Notfallpädagogen, mit dem Waldorfkindergarten als Ausgangspunkt.

Ihr Kontakt

LEITUNG KOMMUNIKATION

Sven Focken-Kremer


+49 (0)234 5797-5352
sven.focken-kremer@gls-treuhand.de

Pädagogik und Wirkung

Der Waldorfkindergarten in Oeverich arbeitet seit Juli mit den Notfallpädag*innender Freunde der Erziehungskunst zusammen, krisenausgebildete Fachleute verschiedener pädagogischer, ärztlicher und therapeutischer Berufe. Diese Menschen kommen in die Einrichtung, unterstützen im täglichen Handeln, entlasten die Erzieherinnen, sind Ansprechpersonen für Eltern, geben Seminare, schulen Mitarbeitende, sind einfach da - auch über den Waldorfkindergarten hinaus.

Gespräche sind ein wesentlicher Faktor zur Trauma-Bewältigung. Die Menschen haben ihre Wertmaßstäbe zum großen Teil verloren. „Ist doch alles nicht so schlimm, immerhin lebe ich noch“. „Doch, es ist schlimm“ und Gespräche helfen, hier wieder eine Orientierung zu finden. Auch Schuldgefühle spielen eine Rolle und deren Verarbeitung ist eine wichtige Voraussetzung für das Lebensgefühl der Kinder. Es wird keinen Wiederaufbau, kein „wie davor“ im Ahrtal geben.

Die Kinder brauchen aber die Zuversicht, dass das Leben weiter geht, dass auch so ein Ereignis nicht das Leben zerstört. Dazu gehört das Erleben der Selbstwirksamkeit, die Erfahrung, nicht allem ausgeliefert zu sein. In Zusammenhängen tätig sein zu können, sich eingebettet fühlen in Vertrautem, in Festen und Gewohnheiten. Die Waldorfpädagogik ist an sich eine heilende Pädagogik. Rhythmen im Tageslauf geben Halt, sinnstiftende Tätigkeiten der Erwachsenen regen das Kind zur Nachahmung an, Geschichten und Märchen nähren das Seelenleben, das Feiern der Jahresfeste stärkt das Vertrauen in spirituelle Zusammenhänge.

Lernen durch künstlerische Tätigkeit und durch viel Zeit im Spiel, gesunde Ernährung, Bewegung und Miterleben mit der Natur- all das kräftigt das Kind auf altersgemäße Weise. All das hat den Kindern und Erwachsenen nach der Flut Halt gegeben. Der Waldorfkindergarten hat den Sommer durchgearbeitet, wollte den Kindern einen sicheren Ort erhalten in all den Unsicherheiten dieser Wochen.

Waldorfpädagogen sind pädagogisches Fachpersonal mit Zusatzausbildung. Der Waldorfkindergarten ist Teil der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Rheinland-Pfalz/ Saarland und wird damit von 24 weitere Waldorfeinrichtungen pädagogisch begleitet, vom Regionalbüro fachlich unterstützt und hat die Fachberatung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) als weiteren Ansprechpartner.

Auch baulich geht es voran: Gebaut wurde die 1995 eröffnete Einrichtung in einer vormaligen Heuscheune unter Einbeziehung eines angrenzenden Gerätschuppens auf einem ehemaligen Bauernhof. Viele Teile wurden komplett erneuert, lediglich eine angrenzende Werkstatt mit Lagerräumen wurde damals noch vom Grundstückseigentümer genutzt. Diese kann nun aufgearbeitet und als Anbau für den Kindergarten genutzt werden. Da wir bereits mit Architekten im Kontakt sind und auch auf Hilfe in der Elternschaft des Kindergartens zurückgreifen können, gehen wir davon aus, dass wir im März 2022 eröffnen können.

Mit diesem Potenzial ist der Waldorfkindergarten bestens geeignet für die anstehenden Aufgaben.

 

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