economists4future

18. November 2020 

„economists4future: Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“

so lautet der Titel des Buchs von dem Herausgeber Prof. Dr. Lars Hochmann. Christian Felber, unter anderen Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie bespricht das Buch im folgenden Gastartikel.

Rechte: Lars Hochmann

Es rumort in der Wirtschaftswissenschaft. In den letzten Jahren wurde die „innerbetriebliche“ Reformbewegung weltweit stärker – der angelsächsische Ableger firmiert unter „Rethinking Economics“, in Frankreich formierte sich 2000 eine »Économie Post-Autiste«; im deutschen Sprachraum hat sich die Gesellschaft für Plurale Ökonomik etabliert, aus deren Umfeld erste Sammelbände hervorgingen: 2006 publizierte ein Herausgeber*innen-Trio um Helge Peukert »Die Scheuklappen der Wirtschaftswissenschaft«, 2016 deckte ein Autor*innenkollektiv »Die blinden Flecken der Lehrbuchökonomie« auf. Der nunmehr vorliegende Sammelband entstand an einem Leuchtturm der pluralökonomischen Bildungslandschaft, der Cusanus-Hochschule an der Mosel.

Lars Hochmann vom Lehrstuhl für Plurale Ökonomie hat 25 „economists4future“ versammelt – von Reinhard Pfriem bis Maja Göpel. Sie sind Teil der 26.000 Wissenschaftler*innen, die sich im Frühjahr 2019 den deutschsprachigen »Scientists4Future« anschlossen. „Wissenschaft, so scheint es, hat – allen postfaktischen Unkenrufen zum Trotz – wieder eine gesellschaftlich relevante Stimme“, schreibt Hochmann in der Einleitung. Doch der Band richtet sich mit Vehemenz gegen ebendiese, genauer: gegen die neoklassische Wirtschaftswissenschaft.

Den Aufschlag macht der neue Präsident des „akademischen Startups“ in Bernkastel-Kues, Reinhard Loske. Er will die Wirtschaftswissenschaften aus dem „Käfig der Marktidealisierung und Staatsskepsis, Gesellschaftsferne und Naturvergessenheit, Wettbewerbsüberhöhung und Kooperationsaversion“ befreien. Johanna Hopp, Stephan Panther und Theresa Steffestun bemängeln an der Neoklassik „ein an den Naturwissenschaften ausgerichtetes Wissenschaftsverständnis, das nicht transparent gemacht, sondern als alternativlos ausgegeben wird“ (79). Sebastian Thieme kritisiert die vermeintliche Wertfreiheit: Viele Praxisbeispiele dienten dazu, die impliziten normativen Annahmen „als natürlich sinnvoll und »gut« zu akzeptieren“, darunter „Kategorien wie Effizienz, Verwertbarkeit, ökonomische Rationalität, das ständige Streben nach Besserstellung oder starke Arbeitsteilung“ (225).

Rechte: Levin Bumann

Silja Graupe, neben Loske Master Mind von Cusanus, ortet in ihrem Beitrag eine „extreme Kluft zwischen der zu lernenden Theorie und der Welt, in der sie leben“ (32). Studentin Laura Porak sekundiert: „Für immer mehr Student*innen geht damit der Sinn ihres Studiums verloren.“ (128) Gemeinsam verweist das Denkkollektiv auf die „einzigartige Standardisierung“ der ökonomischen Bildung, insbesondere in den Einführungslehrveranstaltungen.

Am Lehrbuchmarkt herrsche besorgniserregende Konzentration, Klausuren würden von Multiple-Choice-Abfragen dominiert, was „Bulimie-Lernen“ fördere. „Die globale Homogenität der Wirtschaftswissenschaften droht jegliche Form der Kontroversität und Pluralität zu unterbinden“, beklagen Hopp et al. (84).

There are many alternatives

Die reichhaltig angebotenen Alternativen ziehen sich von der Erkenntnisweise über das Theorienangebot bis zu den Methoden und der Didaktik. Graupe lädt zu „Ortswechseln des Erkennens“ ein (32). Loske will „Reflexivität zu einem Markenzeichen machen“ (59). Alle wollen, dass sich die Ökonomik „systematisch als Sozialwissenschaft begreift“. Thieme betont, dass die Reflexion von Wertbezügen „natürlicher Bestandteil jedes Nachdenkens über »Wirtschaft«“ sein müsse (230).Die Autor*innen holen alternative Schulen auf die Bühne: Feministische, ökologische, postkeynesianische, historische, Institutionen- oder Komplexitätsökonomik. „Zuallererst muss die Idee des Gemeinwohls wieder in die Ökonomie integriert werden“, postuliert Loske (71).

Rechte: Levin Bumann

Peukert redet Deglobalisierung und Postwachstum das Wort, er stellt das nötige Absenken des Produktionsvolumens um den Faktor 10 in den Raum (147) und fordert „eine wirtschaftliche Gesamtrahmenplanung mit klaren ordnungspolitischen Verboten, Mengenbegrenzungen und Preiskontrollen“ (148). Der Ökonom und Soziologe unterrichtet – mit Niko Paech ein Büro teilend – an der Universität Siegen, die gemeinsam mit Cusanus und der Uni Duisburg-Essen die plurale Triade in Deutschland bildet. Er stellt angesichts der drohenden „Ökokalypse“ die „ketzerische Frage, ob wir uns einen nichtdiskriminierenden, nach vielen Seiten hin offenen Pluralismus überhaupt noch leisten können“ (157). Herausgeber Hochmann stellt klar, dass es nicht die Absicht von Economists4future sei, die Wissenschaftsfreiheit der Wirtschaftswissenschaften zu beschneiden. Es gehe vielmehr „um die Kultivierung von Verhältnissen, in denen Wissenschaftsfreiheit überhaupt erst wieder in einem seriösen Sinne möglich wird“ (19).

Hochschulen zu Orten der Gemeinsinnbildung und der reflektierten Gesellschaftsgestaltung

In Bezug auf die Methoden werden studentisch mitgestaltete Seminare, Fallstudienarbeiten, Lehrforschungsprojekte, Exkursionen und Lektürekurs empfohlen sowie praktische Projekte. Für das zukünftige Curriculum schlägt Laura Porak ein Zusammenspiel von Fachstudium und Reflexionsstudium vor (136). Im Unterricht sollten Geschichte, Ethik und interdisziplinäre Erkenntnisse stärker berücksichtigt werden. Empfohlen wird – neben anderen – das Lehrbuch von Adelheid Biesecker und Stefan Kesting, das „nicht nur ideengeschichtliche Inhalte vermittelt, sondern auch Menschenbilder, Philosophien und unterschiedliche Rationalitätskonzepte“ (233). Befürwortet wird „vorsorgendes Wirtschaften“ (Daniela Gottschilch, 195) und ein höherer Anteil von mit Frauen besetzen VWL-Lehrstühlen (aktuell: 19 Prozent). Bei Berufungsverfahren sollen nicht so sehr „die Anzahl von Veröffentlichungen, sondern didaktische Fähigkeiten und fachliche Kenntnisse berücksichtigt werden“ (137).

Generell sollten Hochschulen zu Orten der Gemeinsinnbildung und der reflektierten Gesellschaftsgestaltung werden, so Loske: „Die Grundfrage ist, wie wir es in den reichen Staaten schaffen können, unser heutiges Leben so umzustellen, dass ein gutes Leben für möglichst alle Menschen innerhalb der planetaren Grenzen möglich ist“ (71). Die Cusanus-Hochschule hat nun eine plurale Visitenkarte mit 295 Seiten.

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Lars Hochmann (Hrsg.)

Prof. Dr. rer. pol. Lars Hochmann, geb. 1987, ist interdisziplinär arbeitender Wirtschaftswissenschaftler. Er lehrt und forscht an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung zu einer Theorie der Unternehmung, nachhaltigen Unternehmensstrategien sowie Politiken der Wahrheit in den Wirtschaftswissenschaften.

Christian Felber

Christian Felber ist Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie und Affiliate Scholar am IASS Potsdam. Unter anderem publizierte er „Geld. Die neuen Spielregeln“ und „Ethischer Welthandel“. Sein letztes Buch „This is not economy“ ist ein „Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft“.

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